Wenn man heute zwischen den Lichtern des Strips steht, ist es kaum vorstellbar: Vor etwas mehr als 120 Jahren war hier nichts als Wüste, ein paar Quellen und eine Bahnstation. Die Geschichte von Las Vegas beginnt nicht mit Casinos, sondern mit Wasser, Schienen und einer einzigen, fieberhaften Auktion.
Lange vor der Stadt
Schon seit über tausend Jahren lebten hier Menschen, zuletzt die Paiute, die das sumpfige, quellenreiche Tal für Landwirtschaft und als Rastplatz nutzten. Von einer Stadt konnte damals natürlich noch keine Rede sein, aber genau dieses Wasser mitten in der Wüste war es, das Las Vegas später überhaupt erst möglich machte.
1829: Ein Name für die Wiesen in der Wüste
Den Namen bekam der Ort 1829, als Rafael Rivera, Teil der spanischen Handelskarawane von Antonio Armijo auf dem Old Spanish Trail zwischen Santa Fe und Los Angeles, auf die Quellen stieß. Er nannte die Stelle „Las Vegas“, spanisch für „die Wiesen“. Für Karawanen auf dem Weg durch die Wüste war das eine der wenigen verlässlichen Wasserstellen weit und breit, so wurde aus einem einfachen geografischen Merkmal langsam ein fester Punkt auf der Landkarte.
Das Fort der Mormonen
1855 schickte die Mormonenkirche eine Gruppe von 29 Missionaren unter der Leitung von William Bringhurst los, um an den Quellen eine Missionsstation zu errichten. Sie bauten ein Fort aus Lehmziegeln, das gleichzeitig als Zwischenstopp auf der Route zwischen Salt Lake City und Los Angeles diente. Lange hielt die Mission nicht: Schon nach zwei Jahren gaben die Siedler die Station wieder auf, wegen interner Spannungen, der brütenden Hitze und dem heraufziehenden Utah-Krieg, der die Mormonen ohnehin zur Rückkehr nach Utah aufrief.
Von der Ranch zur Eisenbahnstation
1865 übernahm Octavius Gass das verlassene Fort, baute es zur „Las Vegas Rancho“ aus und betrieb dort Landwirtschaft und sogar Weinbau. 1881 ging die Ranch an Archibald Stewart über. Nach dessen gewaltsamem Tod 1884 führte seine Frau Helen Stewart den Betrieb weiter und wurde zur Postmeisterin des kleinen Ortes. Den entscheidenden Wendepunkt brachte erst das Jahr 1902: Die Eisenbahngesellschaft San Pedro, Los Angeles and Salt Lake Railroad kaufte Helen Stewart das Land ab, um hier einen Versorgungsstopp auf ihrer neuen Strecke zwischen Los Angeles und Salt Lake City zu errichten.
Der Tag, an dem die Stadt geboren wurde
Hinter dem Eisenbahnprojekt stand der einflussreiche US-Senator William Clark. Er ließ das Land in über 600 Parzellen aufteilen und am 15. Mai 1905 versteigern, direkt vor einem Eisenbahnwaggon am Ende der heutigen Fremont Street, der als provisorischer Bahnhof diente. Über 3.000 Menschen kamen, viele campierten schon Tage vorher in Zelten am Las Vegas Creek. Die Lose kosteten zwischen 150 und 750 Dollar, manche Preise verdoppelten sich noch am selben Tag. Es wurde so voll und so heiß, dass Clark die zweite Auktionsrunde am Folgetag kurzerhand absagte. Am Ende hatte er mehr als 265.000 Dollar eingenommen, rund das Fünffache dessen, was er selbst für das Land bezahlt hatte. Dieser eine Tag gilt bis heute als die eigentliche Geburtsstunde von Las Vegas.
Das erste Hotel und die Telefonnummer 1
Nur wenige Monate nach der Auktion stand auf einer der frisch ersteigerten Parzellen, direkt an der Ecke Main Street und Fremont Street, bereits das erste feste Hotelgebäude der Stadt: das Hotel Nevada, eröffnet am 13. Januar 1906 von John F. Miller, der das Grundstück für 1.750 Dollar erstanden hatte. Das Gebäude existiert bis heute, als Golden Gate Hotel & Casino ist es das älteste noch betriebene Hotel von Las Vegas. Zwischendurch hieß es kurz „Sal Sagev“ (Las Vegas rückwärts gelesen), bevor eine Gruppe von Geschäftsleuten aus der San-Francisco-Bay-Area das Haus 1955 übernahm und nach der Golden Gate Bridge benannte.
Zwei kleine Anekdoten aus dieser Zeit erzählen viel über das junge Las Vegas: 1907 wurde im Hotel Nevada das erste Telefon der Stadt installiert, ein wandmontiertes Kurbelmodell. Weil es das einzige Telefon weit und breit war, bekam es schlicht die Nummer 1, eine Bronzeplakette vor dem heutigen Golden Gate erinnert noch heute daran. Und 1959 führte Golden-Gate-Mitinhaber Italo Ghelfi, der die frischen Meeresfrüchte aus Kalifornien vermisste, den bis heute legendären Shrimp Cocktail ein, für 50 Cent das Glas. Dieser Preis blieb fast 50 Jahre lang nahezu unverändert, bis 1992 waren bereits über 25 Millionen davon verkauft.
Vom Bahnhofsdorf zur eingetragenen Stadt
Aus dem improvisierten Zeltlager wurde schnell eine richtige Siedlung mit Frisören, Hotels und Läden. 1909 entstand Clark County, benannt nach dem Senator, der die Auktion ins Rollen gebracht hatte. Am 1. Juni 1911 stimmten die Bewohner mit 168 zu 57 Stimmen dafür, Las Vegas offiziell als Stadt einzutragen. Aus einer Wasserstelle in der Wüste war damit binnen weniger Jahrzehnte eine echte Stadt geworden, wenn auch von dem, was Las Vegas heute ausmacht, zu diesem Zeitpunkt noch nichts zu ahnen war.
Mein Fazit
Es ist schon ein besonderer Gedanke: Alles, was Las Vegas heute ist, der Strip, die Hotels, die Lichter, geht letztlich auf eine einzige, hitzige Auktion an einem Maitag im Jahr 1905 zurück. Wer heute über die Fremont Street läuft, steht fast genau dort, wo damals die ersten Grundstücke den Besitzer wechselten. Ein Stück Geschichte, das man der Stadt auf den ersten Blick gar nicht mehr ansieht.
| MEINE TIPPS FÜR GESCHICHTSFANS |
| → Das Old Las Vegas Mormon Fort State Historic Park in Downtown steht noch heute und kann besichtigt werden, dort begann alles. |
| → Die Fremont Street selbst ist der historische Ursprungsort der Stadt, das lohnt sich beim nächsten Downtown-Besuch im Hinterkopf zu haben. |
| → Wer sich für die Mafia-Ära interessiert: Das Mob Museum in Downtown ist nur wenige Gehminuten entfernt und ein guter nächster Programmpunkt. |
| → Das Golden Gate Hotel & Casino an der Ecke Main/Fremont Street steht noch original an der Stelle des ersten Hotels von Las Vegas, ein Besuch lohnt sich für Geschichtsfans besonders. |