Treasure Island: Piraten, Patina und die Seele des alten Las Vegas

Mein erster Besuch im Treasure Island liegt schon viele Jahre zurück. Damals hatte das Hotel noch echte Piratenschiffe vor der Tür, täglich Seeschlachten mit Feuer und Rauch, und einen Zauber, den man heute nur noch erahnen kann. Seitdem hat das TI, wie Stammgäste es nennen, einige Häutungen hinter sich. Das Piratenthema ist noch da. Aber das Hotel selbst ist etwas anderes geworden: nüchterner, älter, günstiger. Und genau darüber wollen wir reden.

Von Piraten und Patina

Das Treasure Island öffnete am 26. Oktober 1993 seine Türen. Gebaut wurde es von Steve Wynn, dem Mann, der auch das Hotel Mirage, das Hotel Bellagio und das Hotel Wynn auf den Strip gestellt hat. Der Schöpfer des modernen Las Vegas, könnte man sagen. Das TI war von Anfang an als familienfreundliches Mittelklasse-Hotel geplant, das sich bewusst vom Luxusgefilde des Hotel Mirage nebenan abhob. Die Fassade war spektakulär: eine künstliche Lagune mit zwei echten Piratenschiffen. Die wurden übrigens am 29. Juli 1993 installiert, während Michael Jackson persönlich zuschaute. Dazu täglich mehrmals eine Seeschlacht mit Feuer, Rauch und Stuntmen. Gratis. Für jeden. Las Vegas in seiner besten Version.

Das Hotel ist nach dem Roman Die Schatzinsel von Robert Louis Stevenson aus dem Jahr 1883 benannt. Wer ihn noch nicht kennt, findet ihn auf Amazon als Taschenbuch und als E-Book. Piraten, Schätze, Abenteuer: Der Name war von Anfang an Programm.

Dann kam der Wandel. In den frühen 2000er-Jahren entschied man sich, das familienfreundliche Image aufzugeben und das Hotel erwachsener und moderner zu positionieren. Das Kürzel TI wurde zur neuen Marke. Die originale Piratenschlacht, bekannt als Battle of Buccaneer Bay, wurde 2003 durch eine neue Show namens Sirens of TI ersetzt, die statt Piraten verführerische Sirenen in den Mittelpunkt stellte. Diese Show endete schließlich 2013. Heute stehen die beiden Schiffe noch immer in der halbleeren Lagune: nostalgisch, etwas verwittert, aber immer noch eine der ungewöhnlichsten Fassaden am gesamten Strip.

2009 wechselte das Eigentum: Phil Ruffin, ein amerikanischer Milliardär und Geschäftsmann, kaufte das TI von MGM Mirage. Ruffin besitzt auch das Hotel Circus Circus, ebenfalls am Strip. Was das Haus seither ist: ein solides Mittelklasse-Hotel mit treuer Stammkundschaft, das sich auf seine Lage verlässt. Und die ist tatsächlich hervorragend.

Im Juli 2025 wurde eine Partnerschaft bekannt gegeben, die das TI langfristig verändern sollte: Der französische Hotelkonzern Accor unterzeichnete eine Franchise-Vereinbarung und nahm das Treasure Island in seine Handwritten Collection auf, eine Kollektion individueller, charakterstarker Hotels weltweit. Am 3. August 2026 wurde die Partnerschaft dann offiziell vollzogen. Das TI ist damit Accors erstes Haus in Las Vegas und gleichzeitig, mit 2.884 Zimmern, das größte Hotel im gesamten weltweiten Accor-Netzwerk. Das neue offizielle Markenzeichen lautet: Treasure Island: TI Las Vegas Hotel & Casino, Handwritten Collection. Bemerkenswert für Stammgäste: Das bisherige eigenständige Radisson-Treueprogramm wurde damit abgelöst. Wer jetzt Mitglied im ALL-Accor-Treueprogramm ist, kann im TI Punkte sammeln und einlösen und profitiert von Accors weltweitem Vertriebsnetz mit über 100 Millionen Mitgliedern.

Die Lage: der eigentliche Star

Wer in Las Vegas weiß, dass das Hotel Venetian und das Palazzo, beide reine Suite-Hotels und beide fünf Sterne, ums Eck liegen, der weiß auch: Das TI liegt zentral-nördlich am Strip, und das ist ein echter Vorteil. Zu Fuß erreichbar sind das Hotel Resorts World und das Hotel Fontainebleau im Norden, das Hotel Wynn und das Hotel Encore nur wenige Gehminuten entfernt, und über eine Fußgängerbrücke direkt hinter dem Hotel sogar die Fashion Show Mall, eine der größten Einkaufsmeilen in Las Vegas. Wer mit dem Auto kommt, profitiert vom kostenlosen Parkhaus, das direkt mit dem Hotel verbunden ist. In einer Stadt, wo Parken schnell 20 bis 40 Dollar täglich kostet, ist das kein kleines Detail.

Was fehlt: Die ehemalige Tram zum Hotel Mirage existiert nicht mehr. Das Hotel Mirage hat inzwischen geschlossen und wird gerade zum Hard Rock Hotel umgebaut. Das ist eine Großbaustelle, die sich vorerst auf die Nachbarschaft auswirkt. Wer also ein ruhiges Panorama auf der Westseite des Hotels erwartet, sollte ein Zimmer mit Strip-Blick nach Osten wählen.

Das Zimmer: geräumig, aber ehrlich gealtert

Die Standardzimmer im TI sind mit rund 37 Quadratmetern (etwa 400 Quadratfuß) überraschend großzügig für ein Hotel dieser Preisklasse. Ein Kingsize-Bett, Sitzbereich, kleiner Schreibtisch, Kühlschrank ohne gewichtsbasierte Sensor-Falle. Man kann also eigene Getränke reinlegen, was im CVS direkt im Erdgeschoss günstig besorgt werden kann. Die Lampen haben USB-Ports, der Safe ist groß, Bügeleisen und Haartrockner sind vorhanden.

Was man nicht beschönigen sollte: Die Zimmer wurden zuletzt vor 2009 grundlegend renoviert. Das sieht man. Die Möbel sind abgenutzt, die Badezimmer klassisch-funktional aber ohne jeden Luxus, und die Klimaanlage kann je nach Zimmer recht laut werden. Höher gelegene Zimmer ab Etage 20 aufwärts sind erfahrungsgemäß deutlich ruhiger. Das lohnt sich beim Einchecken höflich anzusprechen. Wer ein Zimmer über der Casino-Lüftung erwischt, bekommt nach einem freundlichen Hinweis an der Rezeption meist problemlos ein anderes zugeteilt.

Die Aussicht kann hingegen wirklich schön sein: die Lichter des Strips bis weit nach Süden, dazu der Blick auf den hoteleigenen Pool. Der Haken: Man muss ans Fenster treten und nach links schauen. Vom Bett aus sieht man sie nicht. Wer also für die Aussicht zahlt, tut das bewusst.

Das Casino: kompakt und bodenständig

Das Casino des TI ist recht kompakt, deutlich kleiner als die großen Strip-Casinos, aber keinesfalls ein Winzling. Die Decken sind niedrig, die Atmosphäre erinnert an das klassische Vegas der 1990er-Jahre. Ich selbst habe mich beim ersten Mal mehrfach verlaufen. Das Layout ist verschachtelt und gewöhnungsbedürftig. Wer sich an der Außenlinie des Casinos orientiert, findet sich aber schnell zurecht.

Was das TI-Casino wirklich attraktiv macht: die Tischeinsätze. Im Vergleich zu den großen Nachbarn am Strip gelten die Mindesteinsätze beim Blackjack als besonders niedrig. Ein Grund, warum Spieler das TI-Casino oft bevorzugen. Die Slot-Auswahl ist groß, ältere und neuere Automaten gemischt. Der Golden Circle Sports Bar, der hauseigene Sportsbook, liegt direkt angebunden, mit unzähligen Bildschirmen und einem gemütlichen Pub-Ambiente.

Essen und Trinken: besser als sein Ruf, aber mit Lücken

Das gastronomische Angebot im TI ist überschaubar, aber durchaus solide, wenn man weiß, wo man hinschaut. Phil’s Steak House ist das gehobene Flaggschiff des Hotels, benannt nach Eigentümer Phil Ruffin. Steaks, Meeresfrüchte, klassische italienische Beilagen. Wer ein ruhiges Dinner sucht, ist hier richtig.

Gilley’s BBQ ist die Seele des Hotels. Benannt nach dem texanischen Country-Musiker Mickey Gilley, ist Gilley’s ein Saloon mit Barbecue-Küche, mechanischem Bullen, Line-Dancing und Live-Musik. Das ist kein Gourmet-Tempel, aber es ist Unterhaltung pur. Der Pulled-Pork-Sandwich kommt mit hausgemachten Barbecue-Saucen, die Portionen sind ordentlich, und abends wird die Tanzfläche belebt. Ein Erlebnis, das man anderswo auf dem Strip so nicht findet.

Wer vietnamesische Küche mag, wird hier positiv überrascht: Das Restaurant „Pho“ serviert frische, ehrliche Küche und hat durchweg gute Kritiken. Der Coffee Shop ist die Adresse für Frühstück und Brunch. Wer morgens früh einen Kaffee braucht: Der TI-to-go-Kiosk im Erdgeschoss verkauft Kaffee, und wer sich einen wiederverwendbaren TI-Becher kauft, soll danach nur einen Dollar pro Nachfüllung zahlen. Ein kleiner, aber feiner Spartipp, wenn es noch so ist.

Der Golden Circle Sports Bar ist die praktische Alltagsoption: Pub-Food, viele Bildschirme, faire Preise. Fish Tacos, Bison Burger, Biere vom Fass. Wer nicht groß ausgeht, aber auch nicht hungrig schlafen will, ist hier gut versorgt. Und dann ist da noch der CVS direkt im Hotel, 24 Stunden geöffnet. Getränke, Snacks, Schmerzmittel um 3 Uhr nachts: in Las Vegas ein echter Komfortgewinn.

Was weggefallen ist: Das Señor Frogs, das mexikanische Party-Restaurant, hat am 31. Dezember 2024 für immer geschlossen. Das Schild hängt noch. Auch die Pizzeria Francesco’s ist weiterhin im Haus, aber mit einer Google-Bewertung von 2,8 Sternen und konsistent negativen Kritiken. Man kann es versuchen. Man muss aber nicht.

Pool, Spa und Arcade: die Extras

Der Pool ist klein, für ein Hotel mit fast 2.900 Zimmern geradezu winzig. Eine Beckenfläche, ein Whirlpool, Liegestühle, Cabanas gegen Aufpreis, zwei Bars. Was er hat: Palmen und eine entspannte Atmosphäre. Der Name Treasure Island, also Schatzinsel, verspricht ja genau dieses Inselgefühl, und am Pool kommt es tatsächlich ein bisschen davon an. Die Poolsaison läuft von Anfang März bis Ende November, mit saisonal wechselnden Öffnungszeiten. Im Hochsommer, Mitte Mai bis Ende August, hat der Pool bis 20 Uhr geöffnet. Erst im Spätherbst, ab Anfang November, schließt er bereits um 17 Uhr. Wer im Hochsommer kommt, sollte trotzdem früh da sein: Die Liegen werden rar, Schattenplätze sind Mangelware, und an Tagen mit über 35 Grad Celsius füllt sich der Pool schnell.

Der Oleksandra Spa & Salon bietet klassische Treatments: Massagen, Körperpeeling, Gesichtsbehandlungen. Das Fitnesscenter ist gut ausgestattet, mit Kardiogeräten und Gewichten, sauber und gepflegt, auch wenn es keine Riesenanlage ist.

Ein echter Geheimtipp ist The Cove Bar & Arcade, denn viele wissen nicht, dass es sie gibt. Die Bar liegt abseits der Hauptwege, mit Arcade-Automaten, Mini-Bowling, Billardtischen und Lounge-Bereich, und überraschenderweise sogar mit Blick auf den Pool. Man kann hier Bier trinken, Tischtennis spielen und gleichzeitig Sport auf den Bildschirmen verfolgen. Las Vegas in seiner entspanntesten Form.

Mystère by Cirque du Soleil

Wer in Las Vegas eine Cirque-du-Soleil-Show sehen möchte, hat mehrere Optionen in der Stadt. Mystère im TI ist die älteste davon. Seit Weihnachten 1993 läuft die Show im hauseigenen Theater, und das aus gutem Grund. Akrobatik, Clownerie, surreale Bühnenbilder und eine Energie, die einen nach zwei Stunden mit offenem Mund und einem Lächeln im Gesicht zurücklässt. Wer noch nie eine Cirque-Show gesehen hat, dem sei Mystère als Einstieg empfohlen. Tickets am besten im Voraus buchen, denn die Show läuft zwar regelmäßig, ist aber an beliebten Wochenenden schnell ausverkauft.

Check-in und Service: durchwachsen

Der Check-in im TI ist ein Thema für sich. Self-Check-in-Kioske sind vorhanden, funktionieren aber nicht immer reibungslos: Manche Kreditkarten werden nicht akzeptiert. An stark frequentierten Tagen kann die Schlange an der regulären Rezeption 20 bis 30 Minuten betragen. Wer online vorab eincheckt und sein Zimmer als QR-Code aufs Handy lädt, kommt oft schneller durch.

Der Service ist insgesamt solide, aber uneinheitlich. Freundliche, engagierte Mitarbeiter und gleichgültige Begegnungen wechseln sich ab. Das ist kein TI-spezifisches Problem, fällt aber in einem Hotel dieser Größe deutlicher auf. Wer ein Problem hat und es ruhig und bestimmt anspricht, bekommt fast immer eine Lösung.

Resort Fee: ein Wort vorweg

Wie fast alle Hotels in Las Vegas erhebt auch das TI eine sogenannte Resort Fee: eine tägliche Pflichtgebühr, die zum Zimmerpreis hinzukommt und unabhängig davon fällig wird, ob man die enthaltenen Leistungen nutzt oder nicht. Sie deckt unter anderem WLAN und den Fitnessraum ab. Was das TI von den meisten anderen unterscheidet: Es gibt einen offiziellen opt-out. Wer auf der Hotelwebsite direkt bucht, findet unter den Angeboten eine Option ohne Resort Fee. Der Zimmerpreis liegt dann etwas höher, aber alle Kosten sind auf einen Blick sichtbar. Wer den opt-out wählt, verliert WLAN und einige Kleinigkeiten, darf aber trotzdem den Pool nutzen. Das kostenlose Parken bleibt in jedem Fall erhalten.

Mein Fazit

Das Treasure Island ist kein perfektes Hotel. Die Zimmer haben die 2000er-Jahre überlebt, ohne wesentlich jünger zu werden. Die Sauberkeit ist uneinheitlich. Der Pool schließt früh. Und wer auf Glamour steht, findet ihn auf dem Strip, für das Dreifache des Preises.

Aber das TI ist ehrlich. Es verspricht kein Luxuserlebnis und versucht auch gar nicht erst, eines vorzutäuschen. Was es liefert: eine der besten Lagen am Strip, ein geräumiges Zimmer zu einem fairen Preis, kostenloses Parken, eine Piratenfassade mit Geschichte, und Gilley’s BBQ für einen Abend, den man nicht so schnell vergisst. Und mit der Accor-Partnerschaft und dem abgeschlossenen Refresh ist das nächste Kapitel bereits aufgeschlagen.

Würde ich das TI nochmal buchen? Für eine Nacht oder zwei, mit dem richtigen Zimmer und den richtigen Erwartungen: ja, ich werde es definitiv wieder tun. Nach all den Jahren hat es für mich immer noch diesen besonderen Charme.

MEINE TIPPS FÜR DEINEN BESUCH
→ Erwartungen richtig setzen: Das TI ist kein Luxushotel und will es auch nicht sein. Wer ein sauberes, geräumiges Zimmer in bester Lage zu einem fairen Preis sucht, ist hier richtig. Wer Fünf-Sterne-Service erwartet, schaut lieber auf dem Strip nach Alternativen.
→ Resort Fee oder nicht: Das TI bietet einen offiziellen opt-out an. Wer die Resort Fee weglässt, spart rund 50 Dollar pro Nacht, verzichtet aber auf WLAN und einige weitere Kleinigkeiten. Das Parken bleibt in jedem Fall kostenlos, ein echter Vorteil in Las Vegas.
→ Zimmer mit Strip-Blick buchen: Der Aufpreis für ein Zimmer mit Blick auf den Strip lohnt sich. Der Ausblick ist beeindruckend, aber nur wenn man auch zum Fenster geht. Vom Bett aus sieht man ihn leider nicht.
→ Frühstück vorab klären: Wer mit Frühstück bucht, sollte genau nachlesen was im Paket enthalten ist. Die Gutschein-Regelung hat schon für Verwirrung gesorgt, vor allem bei Gruppen oder Familien. Im Zweifel direkt beim Hotel nachfragen.
→ Mystère by Cirque du Soleil: Die Show läuft seit 1993 im hauseigenen Theater, und das aus gutem Grund. Cirque du Soleil hat mehrere Shows in Las Vegas, aber Mystère ist eine der ältesten und technisch ausgereiftesten. Tickets am besten im Voraus buchen.
→ The Cove Bar & Arcade: Wer einen Abend abseits des Casinos sucht, dem sei die Cove ans Herz gelegt, denn viele wissen nicht, dass es sie gibt. Bar, Arcade-Automaten, Mini-Bowling und Billardtische: das ist Vegas, wie es manchmal sein darf.

Stand: September 2026. Preise, Öffnungszeiten und Angebote können sich jederzeit ändern. Am besten vor der Reise auf der offiziellen Hotel-Website gegenchecken.

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